Verzogenes Kind
Vor kurzem kam meine Tochter zu mir und hat mich in ihrer trotzigen Teenagermanier vollgemotz, was das soll, das die Schüler meiner Klasse alles mögliche über sie wissen. Was für Musik sie hört und dass sie die Abende immer lange weg bleibt. Was das soll, dass ich immer so viel erzähle. Es sei doch wohl ihre Privatsache und gehe meinen Schülern überhaupt nichts an. Ein bisschen verschämt habe ich zu Boden geschaut, weil ich ja weiss, wie gerne ich klatsche und tratsche und dass ich auch häufig meine Schüler über meine Tochter auf dem laufenden halte. Meine Schüler sind alle noch etwas jünger als meine Tochter und ich möchte ihnen nur versuchen beizubringen, dass sie nicht so werden wie meine Anika. Ich habe sie verzogen, das weiss ich selber. Sie ist mein einziges Kind und ihr Vater ist kurz nach ihrer Geburt abgehauen. Ich habe sie immer machen lassen, was sie will und ihr alles gekauft, was sie haben wollte. Jetzt ist sie leider zu alt um sie noch umzuerziehen uns so bleibt sie abends oft lange weg und schwänzt häufig die Schule. Sie interessiert sich für gar nichts mehr. Sie hat gerade ihre trotzige Null-Bock-Phase und ist nur am rumzicken. Seit ich ihr Dinge verbiete, ist es nur noch schlimmer geworden. Ich sage meinen Schülern dann immer, dass ich mir große Sorgen um sie mache, wenn sie lange weg ist, damit sie nicht den gleichen Fehler machen und ihre Eltern in Angst und Schrecken versetzen, wenn sie mal erst morgens gegen fünf Uhr Heim kommen und man schon die gesamten Krankenhäuser in der Umgebung abgeklappert hat und die Polizei einem sagt, das man erst nach 24 Stunden eine Vermisstenanzeige aufgeben kann. Ich werde sie leider nicht mehr ändern können, egal wieviel Mühe ich mir gebe.
kunstfuchs - 17. Mai, 16:21
